Saatgut – So klein und doch so wichtig!

Dieser Artikel ist von Anne Schweigler, Kampagne für Saatgut-Souveränität, geschrieben und in der Contraste erschienen. Besten Dank das er hier veröffentlicht werden kann.

Der Frühling kommt und damit die Zeit der Aussaaten und der Vorbereitungen für den Garten und die Äcker. Dafür braucht es das passende Saatgut. Seitdem vor ca. 100 Jahren die »industrielle Revolution« auch die Landwirtschaft und den Gartenbau weltweit immer mehr industrialisiert hat, wird das nötige Saatgut immer mehr von Saatgut-Konzernen, die heute vor allem Chemie-Konzerne sind, hergestellt und verkauft. Das ist für sie eine profitsichere Sache, denn ohne Saatgut können keine Lebensmittel angebaut werden und Essen brauchen wir immer.
In den letzten 100 Jahren verfolgten diese Konzerne auf drei Ebenen erfolgreich ihr Ziel, den kommerziellen Markt für Saatgut auszubauen und im Sinne ihrer Interessen zu sichern.
Die erste Ebene zielt auf eine technologische Abhängigkeit und besteht in der Entwicklung von Hybrid- Sorten, die nicht nachgebaut werden können. Hybrid-Sorten bringen im ersten Jahr eine besonders große Ernte (Hochertragssorten), aber im zweiten Jahr ist der Ertrag aus den gewonnen Samen sehr gering. Das heißt, wer Hybrid-Samen verwendet, ist gezwungen, jedes Jahr neues Saatgut zu kaufen.
Die Entwicklung von gentechnisch verändertem Saatgut (und den aktuell diskutierten CRISPR/Cas-Sorten) zielt in die gleiche Richtung. Über die Kontrolle der technologischen Herstellung des Saatgutes und der notwendigen Zusatzmittel, wie Kunstdünger und Totalherbizide (z.B. Roundup), werden LandwirtInnen, BäuerInnen und GärtnerInnen abhängig von Saatgutherstellern und verlieren einen Teil ihrer traditionellen Autonomie.

Die zweite Ebene betrifft den juristischen Bereich. Seit vielen Jahrzehnten betreiben Saatgutkonzerne weltweit massives Lobbying, um Saatgut relevante Gesetze in ihrem Sinne durchzusetzen. Ein Einfallstor sind z.B. transnationale Handelsabkommen, über die auch sich widersetzende Länder dazu gezwungen werden, verschärfte Saatgutregelungen einzuführen. Das Patentrecht regelt z.B. die geistigen Eigentumsrechte an gentechnisch hergestellten Sorten. Samen aus der Ernte dieser Sorten gehören dementsprechend dem Patentinhaber. Will der Landwirt dieses Saatgut nutzen, muss er eine Lizenzgebühr an den Patentinhaber zahlen.
Das zweite wichtige Saatgut-Abkommen ist das Saatgutverkehrsgesetz. Dieses regelt, welche Sorten »in den Verkehr« gebracht werden dürfen – nämlich nur, wenn sie in einem Sortenkatalog registriert sind. Das internationale Abkommen dazu wird »UPOV« abgekürzt und musste von den meisten Ländern mittlerweile in einer verschärften Fassung in ihre nationale Gesetzgebung aufgenommen werden. Wie weit verschärfte UPOV Gesetze führen können, zeigte sich 2012 in Kolumbien, als die Regierung 4.000 Tonnen Saatgut bei Bauern beschlagnahmte und zerstörte. Ein 2010 neu eingeführtes »Dekret 970« verbot den Anbau und die Verbreitung aller nicht registrierten Sorten.

Die dritte Ebene zielt auf die komplette Verdrängung von Alternativen zum industriellen Saatgut durch pure Marktdominanz. Das ging beispielsweise in Indien so weit, dass es zeitweise in manchen Regionen ausschließlich gentechnisch manipuliertes Baumwoll-Saatgut zu kaufen gab, da alle lokalen Saatguthändler aufgekauft oder in den Ruin getrieben worden waren. Und samenfestes (zum Nachbau geeignetes) Gemüsesaatgut ist in vielen Regionen der Welt schon länger sehr schwer zu bekommen. Diese Verdrängung traditioneller, regionaler, bäuerlicher Sorten fand in den letzten 100 Jahren kontinuierlich statt. Die massive Werbung für die sogenannte »Grüne Revolution«, für das Modell der industriellen Landwirtschaft und die politische Unterstützung dafür, hat diesen Prozess stark beschleunigt. Neben großen ökologischen Schäden, dem Verlust von biologischer Vielfalt und der Konzentration des Saatgutmarktes in den Händen weniger Großkonzerne hat diese Entwicklung auch zum Verlust von Wissen geführt. Nur noch wenige Menschen wissen, wie man Saatgut aus der eigenen Ernte gewinnt.

Anpassungsfähiges Saatgut
Jahreszeiten verschieben sich, Wetterperioden werden extremer und immer weniger vohersehbar.
Weltweit stellt das Landwirte, BäuerInnen und GärtnerInnen vor große Herausforderungen. Sie müssen ihren Anbau auf die sich ändernden klimatischen Bedingungen einzustellen. Und dafür brauchen sie anpassungsfähiges Saatgut.
Die in den Sortenkatalogen registrierten Sorten sind allerdings, per Definition, nicht anpassungsfähig. Die Zulassungskriterien für den Sortenkatalog sind nämlich: Unterscheidbarkeit (Distinctness), Homogenität (Uniformity) und Stabilität (Stability) (= »DUS«-Kriterien).

Die »DUS«-Kriterien orientieren sich an den Sortenvorstellungen und Neuzüchtungen der Industrie. Ihre Einführung bzw. die des Sortenkataloges führte im Jahr 1934 in Deutschland beispielsweise zum Verschwinden von 72 Prozent der damals erhältlichen Sorten, da die traditionellen, regionalen Sorten die DUS-Kriterien in der Regel nicht erfüllen. Sie zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie eine genetische Varianz innerhalb der Sorten aufweisen und deshalb nicht stabil über die Generationen hinweg sind. Diese Eigenschaften machen diese Sorten anpassungsfähig an sich ändernde regionale und klimatische Bedingungen. Das heißt, sie sind damit die zentrale Ausgangsbasis für zukünftige Züchtung und damit für den Klimawandel.

Die Wahl des Saatgutes bestimmt zu einem großen Teil, welche Form von Anbau und Landwirtschaft möglich ist. Die industrielle Landwirtschaft setzt auf großflächigen Monokulturanbau und braucht einen großen Input an Kunstdünger, Pestiziden und Erdöl für einen hohen Einsatz an Landmaschinen. Eine »angepasste Landwirtschaft in Zeiten des Klimawandels« müsste vielmehr mit einer Diversifizierung der Landwirtschaft auf den Klimawandel reagieren. Mit mehreren Kulturen und mehreren Sorten gleichzeitig im Anbau erhöht sich die Chance, dass auch bei unvorhersehbarem Klima wenigstens die eine oder die andere Kultur eine Ernte bringt.

Die industrielle Landwirtschaft ist bekanntermaßen mitverantwortlich für den Klimawandel. Auch deshalb bräuchte es dringend ein Umdenken, was die weitere Entwicklung in diesem Bereich angeht. Daran ändern auch nichts die Beteuerungen der Saatgutindustrie, die versucht »klima-smarte«, z.B. dürre-resistente Sorten, zu entwickeln. Sie versuchen ihre neu entwickelten Sorten als Erfolg zu präsentieren, Aber fest steht, dass diese Sorten immer der oben beschriebenen Logik entsprechen: die technische Kontrolle über das Saatgut liegt in den Laboren und das Saatgut und seine Reproduktionskapazität gehören dem Konzern.

Vom Protest zum Lehrfilm
Die Entwicklungen in den letzten 100 Jahren in der Landwirtschaft gingen (und gehen) natürlich nicht ohne Proteste und Kämpfe vonstatten. Bäuerliche Organisationen wehren sich an vielen Orten gegen die Verdrängung durch großflächige Monokulturen mit industriellem Saatgut und starkem Pestizideinsatz. Breite Bündnisse kämpfen in vielen Ländern gegen den Anbau von gentechnisch manipulierten Pflanzen. Und auch gegen die immer wiederkehrenden Versuche, international oder national Saatgutgesetze zu verschärfen, gibt es bis heute vielfältige Proteste.

Für Ernährungs-Souveränität
Gleichzeitig versuchen viele Menschen überall auf der Welt, Alternativen zur industriellen Landwirtschaft und zu industriellem Saatgut zu entwickeln und anzubauen. Einen wichtigen Beitrag dazu leisten einerseits Organisationen kritischer BäuerInnen (z.B. La Via Campesina), andererseits Erhaltungsinitiativen (wie z.B. Dreschflegel), die schon seit längerem regionales Saatgut und alte Sorten sammeln und erhalten. Solche Initiativen gibt es in vielen Ländern. Häufig arbeiten sie in großen Netzwerken und versuchen so eine möglichst große Anzahl verschiedener Sorten im Feld zu erhalten und zu vermehren.
Eine schöne Möglichkeit, diese Vielfalt an Sorten unter die Leute zu bringen, sind Saatgut-Tauschbörsen. Bei solchen Veranstaltung wird die wichtige Bedeutung von Saatgut deutlich und es kann an die Tradition des Austauschs von Saatgut und Wissen (Welche Sorte hat welche Eigenschaften, braucht welchen Boden usw.) angeknüpft werden.
Vor zehn Jahren in Deutschland kaum bekannt, finden mittlerweile zahlreiche solcher Veranstaltungen im ganzen Land statt.

Longo mai, ein europäisches Netzwerk mehrerer landwirtschaftlicher Kooperativen, baut in seinen Gärten und auf seinen Äckern weitestgehend selbstproduziertes Saatgut an. Im Zusammenhang mit der europaweiten »Kampagne für Saatgut-Souveränität« organisierten die einzelnen Longo mai- Kooperativen in ihren Regionen Saatgut-Tauschbörsen. Schnell wurde dabei der Mangel an Wissen und das wachsende Interesse an »Wie kann ich selbst Saatgut machen?« deutlich.
Einige Menschen in Longo mai begannen darüber nachzudenken, wie dieses Wissen möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht werden könnte. In Deutschland und Frankreich stellt der Zugang zu Saatgut in der Regel kein existenzielles Problem dar, aber bereits in Ländern wie Spanien oder Griechenland kann Autonomie in der Saatgutproduktion durchaus zur Existenzsicherung beitragen. So entstand die Idee für einen Saatgut-Lehrfilm.
Mit Hilfe eines großen UnterstützerInnenkreises konnte die Produktion eines solchen Lehrfilms angegangen werden. Und nach drei Jahren Filmen, Schneiden und Bearbeiten war der Lehrfilm »Saatgut ist Allgemeingut« 2015 schließlich fertig. Darin wird die Samengärtnerei von 32 Gemüsesorten Schritt für Schritt in kleinen Film-Modulen erklärt.
Die erste Ausgabe war auf Französisch, Englisch und Deutsch. Mittlerweile gibt es eine zweite Ausgabe in den Sprachen Spanisch und Portugiesisch. Ein arabische Version ist wird gerade produziert. (Mehr Infos & Bestellen: seedfilm.org)

Zum Abschluss zwei Zitate von der Web-Seite des Films, die die Motivation der Filmemacherinnen verdeutlichen:
„Eigenes Saatgut gewinnen, ist ein erster Schritt in Richtung Ernährungsautonomie und ein wichtiger Beitrag zur Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt. Es ist ein Schatz, der unbegrenzt ausgetauscht und geteilt werden kann, eine unversiegbare Quelle von Freude und Genuss.“

„Lebewesen reproduzieren und vermehren sich unentgeltlich. Die Gesetze des Lebens widersprechen also den Gesetzen des Profits. Jeder Organismus ist einzigartig. Industrielle Prozesse basieren aber auf Vereinheitlichung. Leben verstößt daher gegen die Logik des industriellen Kapitalismus.“

Zum Weiterlesen:
Seed Stories“, ein Comic von der KleinbäuerInnen Organisation Via Campesina:
www.saatgutkampagne.org
www.agrarkoordination.de AK Biopoli Heft „Vielfalt ernährt die Welt


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