Hallo Freund_innen des bunten Gemüses, kochwütige und wütende gegen Monokulturen und demonstrierende Abonoment*innen,
ihr haltet die September-Variante des Bio-Div-Abos in euren Händen, mit einer Auswahl von Gemüse, die sich sehen lassen kann und ein wenig Lektüre.
Die Lebensmittel in diesem Monat
> gelbe Bete aus der wendländischen Komune Güstritz
> ein Bund bunten Mangold vom Hofkollektiv Bienenwerder
> blaue Kartoffeln aus Bienenwerder
> einen Liter Apfelsaft aus der Komune Karmitz
> 500 g schwarzen Reis aus dem fairen Hanndel
> Chips aus Moniak auch aus dem fairen Handel

Die jeweilige Zusammensetzung variiert (entsprechend individueller Einschränkungen)

Als die August Kiste gepackt wurde, gab es eine Sendung im ZDF mit einem Beitrag zu CMS-Technik. Kleine Wellen der Empörung mit Artikeln schlugen hoch, „Gentechnik im Bio-Laden!?“ lautete die Frage. Eigentlich sollte hier nun ein Beitrag zur CMS-Technik kommen. Aber das Thema ist ziemlich komplex und zu schwierig, um hier kurz was dazu zu schreiben. Wir verweisen deshalb auf die web-Seite saveourseeds.org, die die Technik so beschreibt: “Bei der Cytoplasmatischen männlichen Sterilität (CMS) verschmelzen artfremde Zellen und Zellkerne (Protoplastenfusion) und erzeugen unfruchtbares Saatgut. Hier wird die Grenze zur Gentechnik dünn, wie eine Zellmembran.“
Im klassischen Sinn ist es keine Gentechnik, was es aber auch nicht besser macht. Es ist Hybrid-Saatgut und mensch fragt sich, warum die Ziele der Bio-Pioniere so auf der Strecke geblieben sind und warum es so wenig samenfeste Sorten auf dem Markt gibt. (Von wegen der kapitalistische Markt richtet alles!)? Warum der Konsument oder der Markt normiertes Obst und Gemüse haben will (was mit Hybridsaatgut gleichformiger wächst) und warum ein nach EU-Bioverordnung zertifizierter Bauer eine Ausnahmegenehmigung bekommen kann, um mit konventionellem Saatgut biologisch anzubauen?

Das Saatgut für das Gemüse in der Kiste war auf jeden Fall ohne CMS-Technik, frei von Gentechnik, samenfest und sieht einfach auch schön aus.
Bei der gelben Bete, der gelben Schwester der Roten Bete, ist das Innere so knallgelb, wie die Rote Bete rot und auch in der Zubereitung genauso zu handhaben. Sie schmeckt wirklich ganz köstlich, milder und etwas süßer und nicht so ‚erdig‘ wie viele rote Sorten. Sehr praktisch: Gelbe Bete färbt nicht.
Vor allem als Salat gekocht– aber auch roh: Die Bete ganz fein hobeln und im Dressing ein bisschen länger ziehen lassen. Zum Schluss noch ein bisschen Schafskäse darüber krümeln, ein bisschen glatte Petersilie – das ist lecker!

Farblich geht es weiter mit buntem Mangold. Auf der documenta 13 (zeitgenössische Kunstausstellung in Kassel) letztes Jahr, gab es zwei Objekte mit Mangold. 60 verschiedene Sorten Mangold in weiß, gelb, rot bis fast pink ordnete der Schweizer Künstler Christian Philipp Müller auf Booten in der Aue an, wie eine Brücke über den Kanal.
Im Kasseler Naturkundemuseum waren zeitgleich die Samentütchen der verschiedenen Sorten in einer Vitrine ausgestellt, die der Künstler verwendet hatte, – auch das eine Vielfalt, die einfach schön anzuschauen war.

Mangold ist eine Kulturform der an Küstensäumen wachsenden Wilden Rübe und ist verwandt mit der Zuckerrübe, der Futterrübe und der Roten Rübe. Neben verschiedenfarbigen Stielen gibt es zahlreiche Sorten mit unterschiedlicher Blattfarbe (bleich, gelb, hell- bis dunkelgrün), die Blätter können runzelig oder glatt sein. Blätter und Stiele können gegessen werden, nicht jedoch die Wurzeln.

Zu sagen, bei den blauen Kartoffeln ist mensch dann die Wurzeln, ist botanisch gesehen falsch, Wikipedia beschreibt es so ‚….den basalen Teilen des Sprosses treiben Achselknospen aus, die in den Boden eindringen und dort waagrecht (plagiotrop) ausläuferartig weiterwachsen und zu den Stolonen werden. Anstatt Laubblättern tragen sie Schuppenblätter. Die Enden dieser Ausläufer verdicken sich und wandeln sich in die Knollen um. Es handelt sich hierbei um ein primäres Dickenwachstum. Es sind also Sprossknollen.‘
Egal, sie sehen super aus, bei Kartoffelbrei muss mensch halt aufpassen das es gegessen wird, da oft gedacht wird das, die kräftige Farbe, Lebensmittelfarbe sein muss.
Zu empfehlen sind Ofenkartoffeln, mit einem Mix aus gelben und blauen Kartoffeln, roter Bete und ein paar Möhren. Sieht einfach gut aus, ist lecker und macht Lust auf Diversität.

Das Chips nicht immer aus Kartoffeln sein müssen, könnt ihr mit den Chips aus Maniok erknuspern.
Zu dem vielfarbigen Gemüse in der Kiste, setzt der schwarze Khaw Dam-Reis aus Laos einen farblichen Kontra-Punkt. In seinem Herkunftsland wird dieser Reis zu festlichen Anlässen genossen, er ist von körniger Konsistenz und nussig im Geschmack.
Auch hier noch mal einen Schwenk zur documenta 13: das Thema Reisvielfalt wurde nicht nur ästhetisch präsentiert, sondern in seinen regionalen, kulturellen und politischen Zusammenhang gestellt – sehr beeindruckend!

Hier ein Auszug aus einem Artikel, der dies ausdrückt: „Die documenta 13 verstehen: Ökologie und Nachhaltigkeit sind zentrale Themen der Ausstellung Hier entstehen Archen des Lebens
Im indischen Bundesstaat Orissa wächst eine Reis-Arche. Nathar Sarangi hat dort 266 Sorten angepflanzt –es sind alles einheimische Pflanzen, die er wiederentdeckt und deren Eigenschaften er erforscht. Welcher Boden passt zu welcher Sorte? Die heimischen Arten erwiesen sich als widerstandsfähig und geschmacksintensiv. Früher gab es in der Gegend unzählige Sorten, heute nur mehr 20 – und die kamen zumeist von Saatgut-Konzernen zu den Bauern. Sie sind oft anfällig und müssen gedüngt werden, damit sie ausreichenden Ertrag bringen. Der indische Künstler Amar Kanwar bringt nun die Nathar Sarangis Reis-Arche auf die documenta. Im Ottoneum werden in Schälchen, die in einem dunklen Raum an der Wand hängen, jene 266 Sorten präsentiert, kleine Häufchen mit Namen wie Panjab Basumati oder Nadiajodi.
Amar Kanwar holt in seiner poetischen Arbeit „The Sovereign Forest“ den Reis ins Museum – und damit auch das Wissen der heimischen Kleinbauern. Mit Büchern aus Bananenfaserblättern erzählt er weitere Geschichten aus Orissa. Auf die rechten Buchseiten wird ein Film projiziert, links liest man die Geschichte von Menschen, die in 40 Jahren zweimal umgesiedelt wurden, weil Staudämme auf ihren Feldern angelegt wurden.
Das Ottoneum ist der documenta-Ort, an dem der Schwerpunkt Ökologie am greifbarsten wird. Die Beschäftigung mit unseren Lebensgrundlagen ist zentrales Thema der d13. Kunst und Wissenschaft denken hier über die Erde nach, über ein neues Gleichgewicht menschlicher Bedürfnisse und Biosphäre. In den documenta-Notizbüchern wurden vorab theoretische Grundlagen gelegt, etwa von Vandana Shiva, der Umweltaktivistin, die dieses Jahr in Kassel den Bürgerpreis ‚Glas der Vernunft‘ erhält. Sie hat sich mit rechtlich umstrittenen Biopatenten und kleinbäuerlicher Konzernabhängigkeit beschäftigt.“ Aus: http://www.mydocumenta.de/documenta-13/hier-entstehen-archen-lebens-2367842.html

Zum Stichwort ‚Kunst und Biodiversität‘ paßt auch die interessante Geschichte des Apfelpfarrers Korbinian Aigner. 400 seiner kleinen, sehr feinen Aquarellzeichnungen von Apfelsorten waren auf der documenta 13 zu sehen.

Der Pfarrer und Pomologe sah das versuchte Hitlerattentat im Bürgerbräukeller 1939 nicht als Sünde (Zitat: „Ich weiß nicht, ob das Sünde ist, was der Attentäter im Sinn hatte. Dann wäre halt vielleicht eine Million Menschen gerettet worden“). Er wurde denunziert, verhaftet und ins Konzentrationslager gesteckt. In Dachau leistete er seine Zwangsarbeit hauptsächlich in der Landwirtschaft. Zwischen zwei Baracken pflanzte er Apfelbäume und züchtete die neuen Sorten KZ-1, KZ-2, KZ-3 und KZ-4. Von diesen Sorten blieb bis 2012 nur die Sorte KZ-3 erhalten.
Aigner überlebte und widmete sich auch nach dem Krieg mit großer Leidenschaft den Äpfeln. Er beschaffte sich Äpfel von allen ihm zugänglichen Apfelsorten und malte jeweils zwei Äpfel von jeder Sorte in Postkartengröße nebeneinander. Diese Bilder waren auf der documenta zu sehen. 1966 starb er im Alter von 81 Jahren.

So, genug für heute… viel Spaß mit dem Inhalt des Abos und ran an das Gemüse!
Vielleicht als Mangold-Rouladen mit einer Füllung aus schwarzem Reis und Backkartoffel-Ecken dazu und gelben Bete-Sticks als Vorspeise. Oder eine herbstliche Gemüsesuppe mit Mangold-Einlage und fein geraspeltem gelbe Bete Salat,

juten Appetit, genießt die Sonne, Herbie und Eure Schnittstelle